Deutschland WM-Aus: Diese Szene macht fassungslos

Eine umstrittene Szene in der Verlängerung lässt das DFB-Team fassungslos zurück.

Das WM-Aus für Deutschland ist da, und es kommt mit einem dicken Ausrufezeichen. Im Sechzehntelfinale gegen Paraguay scheidet die DFB-Elf nach einem hochdramatischen Abend mit 3:4 im Elfmeterschießen aus. Der Aufreger des Spiels passierte aber schon vorher: In der Verlängerung wurde Deutschland ein vermeintlich klares Tor aberkannt, das die Partie hätte entscheiden können. Die Wut danach war gewaltig, bei Bundestrainer Julian Nagelsmann, beim ganzen Team und bei Millionen Fans vor den Fernsehern. Wir zeigen dir die strittige Szene, ordnen sie ein und sammeln, was die Experten dazu sagen.

Das aberkannte 2:1: der Moment, der alles veränderte

Nach 90 Minuten stand es 1:1. Julio Enciso hatte Paraguay in der 42. Minute überraschend in Führung geköpft, Kai Havertz glich kurz nach der Pause aus. Weil danach kein weiteres Tor fiel, ging es in die Verlängerung, und dort schien Deutschland in der 102. Minute erlöst. Nathaniel Brown trat eine Ecke an den zweiten Pfosten, Jonathan Tah stieg am höchsten und wuchtete den Ball zum 2:1 ins Netz.

Der Jubel hielt nur Sekunden. Die Mannschaften standen schon zum Anstoß bereit, als Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko die Partie nicht freigab. Der Video-Assistent hatte sich gemeldet. Jayed lief zum Monitor zwischen den Bänken, schaute sich die Szene an und nahm das Tor zurück. Seine Erklärung über das Stadionmikrofon: Waldemar Anton habe den Torwart daran gehindert, zum Ball zu gehen. Aus dem 2:1 wurde wieder ein 1:1.

Foul oder nicht? Darum ist die Szene so umstritten

Grafik der Szene mit dem Kontakt zwischen Anton und Torwart Gill vor Tahs Kopfball
Brown bringt die Ecke, Tah köpft ein, vorher der Kontakt zwischen Anton und Keeper Gill.

Worum ging es genau? Vor Tahs Kopfball war Paraguays Keeper Orlando Gill nach einem Kontakt mit Anton zu Boden gegangen. In der Wiederholung war allerdings gut zu erkennen, dass sich Gill regelrecht in den Deutschen hineindrehte. Eine aktive Bewegung gegen den Torwart, ein Wegdrücken oder Festhalten, war bei Anton kaum auszumachen. Als Tah zum Kopfball ansetzte, stand der Keeper längst wieder.

Dazu kommt ein wichtiger Regel-Punkt, der gegen die Entscheidung spricht: Den besonderen Schutz des Torhüters im Fünfmeterraum gibt es nach den aktuellen Regeln nicht mehr. Der Keeper darf angegangen werden, er hat dort keine Sonderrechte. Genau deshalb sahen so viele Fachleute hier kein Foul, sondern einen ganz normalen Zweikampf.

Das Bewegtbild zur Szene findest du in der WM-Übertragung beim ZDF.

Die TV-Experten sind sich einig: kein Foul

Selten war sich die deutsche Experten-Riege so einig. ZDF-Schiedsrichterexperte und Ex-Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer ließ kein gutes Haar an der Entscheidung. Der Kontakt sei handelsüblich, sagte er, das könne nie und nimmer ein Foul sein. Selbst vor der Aberkennung hatte er die Szene schon als unproblematisch eingeordnet.

ZDF-Kommentator Oliver Schmidt verwies auf die Bundesliga und die Premier League, wo solche Aktionen am laufenden Band durchgehen. In England, so Schmidt sinngemäß, würden sie sich über so einen Pfiff schlapp lachen. Bei MagentaTV fiel das Urteil genauso aus. Kommentator Wolff Fuss nannte den Eingriff kurz und knapp mega kleinlich.

Sein Experten-Kollege Patrick Ittrich, bis vergangene Saison selbst Bundesliga-Schiedsrichter, wurde noch deutlicher. Es gebe zwar einen Kontakt, aber kein Wegstoßen, kein Festhalten, kein Wegdrücken. Der Eingriff des Videoassistenten sei nicht gerechtfertigt gewesen, sein Fazit: für mich ein klares Tor für Deutschland. Auch Sportschau-Experte Lutz Wagner sah es so: Beide hätten sich zum Ball orientiert, ein klares Vergehen erkenne er nicht.

Klopp und Kramer mit den deutlichsten Worten

Für die griffigste Einordnung sorgte ein prominenter Gast im TV-Studio. Jürgen Klopp, bei MagentaTV als Experte im Einsatz, holte zu einem Vergleich aus, der sitzt: Wenn dieses Tor irregulär sei, dann werde Arsenal nicht englischer Meister, schließlich falle ein Großteil deren Tore nach genau solchen Eckball-Szenen. Eine Spitze, die das Gefühl vieler Fans auf den Punkt brachte.

ZDF-Experte Christoph Kramer nahm die Mannschaft trotz allem in die Pflicht. Man dürfe sich am Ende nicht über eine Schiedsrichterentscheidung beklagen müssen, dafür sei der eigene Auftritt schlicht zu schwach gewesen. Den Treffer selbst aber verteidigte auch er: Es sei ein reguläres Tor gewesen. Eine ehrliche Doppelbotschaft, die das deutsche Dilemma gut zusammenfasst.

Auch im Ausland gibt es kein Verständnis

Die Kritik blieb nicht auf deutsche Studios beschränkt. Bei der BBC nannte der frühere englische Stürmerstar Alan Shearer das Foul sehr weich und stellte klar, dass er der Entscheidung überhaupt nicht zustimme, der Keeper falle viel zu leicht. Peter Schmeichel urteilte bei Fox Soccer, das sei kein Foul, der Torwart sei selbst in Anton hineingelaufen. Und der frühere US-Nationaltorhüter Brad Friedel fand im internationalen Kommentar, es gebe überhaupt keinen Grund für Gill, zu Boden zu gehen.

Eine einzige relativierende Stimme gab es. Der frühere WM-Finalassistent Darren Cann fand die Szene zwar ebenfalls weich, sagte aber, es würde ihn nicht überraschen, wenn so ein kleiner Block am Torwart abgepfiffen werde. Also kein „klar richtig“, sondern bestenfalls ein „vorstellbar“. Eine echte Verteidigung der Entscheidung klingt anders.

Drama im Elfmeterschießen: Deutschland verschießt dreimal

So blieb es nach 120 Minuten beim 1:1, und das Elfmeterschießen musste her. Es wurde ein Nervenkrimi mit dem schlechtest möglichen Ausgang aus deutscher Sicht. Kai Havertz eröffnete und scheiterte an Gill, danach trafen Joshua Kimmich, Jamal Musiala und Nadiem Amiri. Nick Woltemade aber vergab, und auch Paraguay ließ zweimal liegen, Antonio Sanabria schoss vorbei, Fabian Balbuena scheiterte an Manuel Neuer.

So ging es ins Sudden Death, und dort wurde Jonathan Tah zur tragischen Figur: Sein Schuss segelte weit über das Tor. José Canale verwandelte anschließend eiskalt und schickte Deutschland nach Hause. Das 3:4 vom Punkt ist bitter und historisch zugleich, denn Deutschland verliert damit zum ersten Mal überhaupt ein Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft. Für Paraguay ist es das größte WM-Ergebnis der Geschichte, im Achtelfinale wartet am 4. Juli der Sieger aus Frankreich gegen Schweden.

Nagelsmann und Havertz nach dem Aus

Bundestrainer Nagelsmann wirkte fassungslos, blieb in seiner Analyse bei MagentaTV aber sachlich. Seiner Mannschaft habe über weite Strecken der Punch gefehlt, die Enttäuschung sei riesig. An Einsatz und Konzentration habe es nicht gelegen, an der Durchschlagskraft schon. Kein Wort des Vorwurfs in Richtung Schiedsrichter, dafür viel Selbstkritik.

Am offensten ging Kai Havertz mit dem Aus um. Das Einzige, was er sagen könne, sei Entschuldigung, erklärte der Stürmer sichtlich angefasst. Man habe sich für dieses Jahr viel vorgenommen, am Ende habe es einfach nicht gepasst. Dass ausgerechnet er den ersten Elfmeter verschoss, machte den Abend für ihn noch schwerer.

Erinnerungen an das EM-Aus 2024

Für viele Fans hatte der Abend ein bitteres Déjà-vu. Schon bei der Heim-EM 2024 war Deutschland im Viertelfinale gegen Spanien ausgeschieden, auch damals nach einer heftig diskutierten Schiri-Szene, als ein Handspiel von Marc Cucurella ungeahndet blieb. Zwei große Turniere, zwei Mal endet die deutsche Reise mit dem Gefühl, dass eine strittige Entscheidung mit drinhängt.

Es ist zudem das dritte große Turnier in Folge, bei dem die DFB-Elf früh die Segel streichen muss, und das erste WM-K.o.-Spiel seit dem Titel 2014 ging prompt verloren. Der Abend in Foxborough wird darum schnell zur Grundsatzdebatte führen. Die Schiri-Entscheidung liefert die Schlagzeile, doch die ehrlichste Erkenntnis lieferte Kramer: Wer gegen Paraguay über 120 Minuten kein zweites Tor erzwingt, braucht am Ende keinen anderen Schuldigen zu suchen.

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