Mehr Realismus auf Social Media: Geht der Trend in die richtige Richtung?

Mehr Echtheit statt perfekter Inszenierung: Social Media zeigt sich zunehmend nahbarer.

Lange Zeit war Social Media das digitale Abbild der Hochglanzmagazine. Filter, Photoshop und der perfekte Winkel zum Aufnehmen sorgten dafür, dass Menschen bei Instagram und Co. nur von ihrer Schokoladenseite zu sehen waren. Die perfekte Inszenierung ist natürlich nicht weg. Wer durch Instagram oder TikTok scrollt, sieht immer noch genug makellose Haut, perfekte Outfits und Körper, die aussehen, als hätten sie nie einen schlechten Tag. Auffällig ist aber, dass daneben andere Inhalte stärker werden: ungeschminkte Storys, ehrliche Fitness-Updates, Posts über unreine Haut, Zyklus, Körperbehaarung oder mentale Tiefs. Nicht alles davon ist automatisch authentisch. Aber es fühlt sich für viele Nutzerinnen und Nutzer näher am echten Leben an.

Wie Natürlichkeit Männern auch jenseits des perfekten Körpers hilft

Ein beliebtes Thema auf männlich geführten Kanälen in sozialen Netzwerken ist Fitness. Hier präsentieren sich Herren mit muskulösen Ober- und Unterkörpern, preisen Protein-Shakes an und erklären die nächste schwierige Übung. Viele dieser Kanäle sind von Profis für erfahrene Sportler gemacht, doch mittlerweile dreht sich der Trend.

Es gibt immer mehr Angebote für natürliche Männer, die keinen massenhaften Muskelaufbau präferieren, sondern sich einfach nur wohlfühlen möchten beim Sport. Statt nur Sixpacks, Protein-Shakes und Trainingspläne zu zeigen, sprechen manche Kanäle heute auch über die weniger perfekten Seiten von Sport. Über den Wiedereinstieg nach längerer Pause, über fehlende Motivation, Schwitzen, Unsicherheit im Gym oder die Frage, wie man sich beim Training überhaupt wohlfühlt.

Das Ziel solcher Kanäle ist nicht, einem ohnehin schon sportlichen Mann den nächsten Eiweißshake zu empfehlen, sondern dem Mann von nebenan Themen wie Sport, Selbstvertrauen und Wohlbefinden näherzubringen. Oft auch gepaart mit Alltagsthemen, die jeden Mann betreffen und über die keiner spricht.

Mehr Realismus im weiblichen Social-Media-Bereich

Die meisten Social-Media-Kanäle werden überproportional oft von Frauen besucht und genutzt. Für die Content-Produzenten heißt das, dass sie sich mit ihren Inhalten an die aktuellen Interessen weiblicher Zuschauerinnen wenden müssen, wenn sie erfolgreich sein möchten.

Gerade im weiblich geprägten Social-Media-Bereich ist dieser Wandel deutlich sichtbar. Lange dominierten perfekte Selfies, makellose Haut, schlanke Körper und ein Bild von Weiblichkeit, das kaum Platz für Realität ließ. Heute ist Natürlichkeit für viele Creatorinnen ein Zeichen von Selbstbewusstsein. Es wird offener über praktische Alltagsthemen gesprochen, etwa darüber, welche Funktionsunterwäsche Damen beim Sport tragen können, welche Kleidung beim Training wirklich bequem ist oder welche Produkte während der Menstruation im Alltag helfen.

Mehr noch als auf männlich geprägten Kanälen ist das Umdenken auf weiblichen Social-Media-Profilen und bei Influencerinnen zu spüren. Es geht nicht mehr darum, als Frau einen repräsentativen Eindruck zu machen und als Objekt der Begierde oder des Neids zu dienen.

Vielmehr hat sich eine Gruppe der Content-Creatorinnen abgespalten, um natürliche Inhalte für natürliche Frauen zu produzieren. Mit Haaren am Kinn, mit PCOS, mit all den Problemen, die eine Frau im Alltag begleiten können.

Warum Natürlichkeit heute so interessant ist

Natürlichkeit in sozialen Medien fällt auf, weil unsere Gesellschaft auf ein bestimmtes Bild geprägt ist. Kommentarspalten zeigen eindeutig, was gesellschaftlich erwartet wird und welche Folgen ein Abweichen davon hat. Ein gutes Beispiel ist die Frau von nebenan mit dem nicht rasierten Bein.

Ein solches Foto kann in den sozialen Netzwerken drei Reaktionen hervorrufen. Einerseits Mut und Bewunderung, so selbstbewusst zu einem völlig natürlichen Phänomen zu stehen. Andererseits aber auch Hass, Ekel und Abscheu von Menschen, die auf rasierte Beine konditioniert sind und jegliche Abweichung ablehnen. Die dritte Gruppe ignoriert und interessiert sich nicht für die Körperbehaarung anderer Menschen.

Am Ende geht es nicht darum, dass Social Media plötzlich ehrlich geworden ist. Das wäre naiv. Auch Natürlichkeit kann inszeniert sein, auch ein ungeschminktes Selfie kann geplant sein. Trotzdem ist der Trend spannend, weil er mehr Bilder zulässt als früher. Neben die perfekte Oberfläche rücken echte Körper, echte Unsicherheiten und Themen, über die lange kaum jemand öffentlich gesprochen hat.

Das könnte dich auch interessieren
Verpasse keine Story!
41,029FansGefällt mir
10,147FollowerFolgen
127,560AbonnentenAbonnieren

Neu