Polyamorie: Ist das nicht einfach Fremdgehen?

Mehrere Lieben, null Heimlichkeit: das steckt wirklich hinter Polyamorie.

Sobald das Wort Polyamorie fällt, denken viele sofort an Chaos, Drama oder eine schicke Ausrede fürs Fremdgehen. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall: Kaum eine Beziehungsform verlangt so viel Ehrlichkeit, klare Absprachen und Kommunikation wie diese. Zeit, mit den größten Missverständnissen aufzuräumen und zu klären, was wirklich dahintersteckt.

Was ist Polyamorie?

Polyamorie bedeutet, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, offen und mit dem Wissen und Einverständnis aller Beteiligten. Das Wort setzt sich zusammen aus dem griechischen poly für viele und dem lateinischen amor für Liebe. Anders als bei einem heimlichen Seitensprung weiß hier jeder Bescheid, wer noch mit im Spiel ist. Im Mittelpunkt stehen echte, gleichwertige Gefühle, nicht nur Sex.

Ein Beispiel: Anna ist mit Ben zusammen und gleichzeitig mit Carla, und beide wissen voneinander. Niemand wird hintergangen, niemand muss sich verstecken. Genau diese Offenheit ist der Kern, alles andere ist Verhandlungssache zwischen den Beteiligten.

Welche Formen der Polyamorie gibt es?

Die eine Polyamorie gibt es nicht, eher ein ganzes Spektrum. Diese Varianten hört man am häufigsten:

  • Hierarchische Polyamorie: Es gibt eine Hauptbeziehung, daneben weitere, klar nachgeordnete Partner.
  • Gleichberechtigte Polyamorie: Keine Beziehung steht über der anderen, alle sind gleich wichtig.
  • Throuple: eine feste Dreierbeziehung, in der alle drei miteinander zusammen sind.
  • Beziehungsanarchie: Hier wird grundsätzlich keine Verbindung über eine andere gestellt, romantische nicht über freundschaftliche.

Welche Variante zu ihnen passt, finden die meisten erst mit der Zeit heraus, durch viel Reden und das eine oder andere Scheitern.

Polyamorie oder offene Beziehung?

Beides gehört zur konsensuellen Nicht-Monogamie, dem Oberbegriff für alle Beziehungen, in denen Exklusivität einvernehmlich wegfällt. Dasselbe meinen die beiden trotzdem nicht, der Unterschied liegt in den Gefühlen. In einer offenen Beziehung seid ihr ein festes Paar und habt Sex mit anderen, die emotionale Hauptbeziehung bleibt aber exklusiv. Bei der Polyamorie geht es genau darum nicht: Hier sind mehrere echte Liebesbeziehungen nebeneinander ausdrücklich gewollt, nicht nur körperliche Kontakte. Die Faustregel: In der offenen Beziehung geht es ums Körperliche, in der Polyamorie ums Herz.

Polygamie oder Polyamorie?

Klingt fast gleich, ist aber etwas völlig anderes, und genau hier vertun sich die meisten. Polygamie meint die Ehe mit mehreren Personen gleichzeitig. Sie ist in Deutschland verboten und meist religiös oder kulturell geprägt. Den häufigsten Fall, einen Mann mit mehreren Frauen, nennt man Polygynie, den umgekehrten Fall einer Frau mit mehreren Männern Polyandrie. Polyamorie dagegen ist gar keine Eheform, sondern eine Art zu lieben, gleichberechtigt und völlig unabhängig vom Trauschein.

Ist Polyamorie Fremdgehen?

Nein, und das ist der entscheidende Punkt. Fremdgehen lebt vom Heimlichen, vom Lügen, vom Vertrauensbruch. Polyamorie ist das genaue Gegenteil, nämlich maximale Offenheit: Alle wissen voneinander und sind einverstanden. Erst wenn jemand etwas verschweigt oder heimlich Absprachen bricht, wird auch eine polyamore Beziehung zum Betrug. Nicht die Zahl der Partner macht den Unterschied, sondern die Ehrlichkeit.

Wie funktioniert Polyamorie im Alltag?

Drei Menschen reden zu Hause offen miteinander als Basis einer polyamoren Beziehung
Reden, reden, reden: In polyamoren Beziehungen wird mehr besprochen als in den meisten monogamen.

In der Theorie klingt das alles sehr frei, im Alltag steckt echte Arbeit dahinter. Drei Dinge entscheiden, ob es funktioniert.

Erstens Kommunikation. In polyamoren Beziehungen wird so viel und so offen geredet wie in kaum einer monogamen, über Gefühle, über Unsicherheiten, über das, was gerade nicht passt. Wer Konflikten lieber aus dem Weg geht, hat es schwer.

Zweitens Absprachen. Statt unausgesprochener Erwartungen gibt es klare Regeln, und die sehen in jeder Beziehung anders aus. Manche vereinbaren, dass neue Partner erst vorgestellt werden, bevor mehr läuft. Andere legen feste Abende für jede Beziehung fest, damit niemand zu kurz kommt.

Drittens Eifersucht. Die verschwindet nicht, nur weil man sich für Polyamorie entscheidet. Der Unterschied ist, dass sie nicht totgeschwiegen, sondern angesprochen wird. Die Paartherapeutin Claudia Mühl sagt dazu in der WDR-Sendung Frau TV, wer offen liebt, erwarte nicht vom Partner, „dass die was machen muss, damit ich keine Eifersucht mehr spüre“. Wie gut jemand damit umgeht, hängt stark mit dem eigenen Bindungstyp zusammen. Es gibt sogar ein Wort für das Gegenteil: Kompersion, die ehrliche Freude darüber, dass es der Partnerin oder dem Partner mit einem anderen Menschen gut geht. Für Außenstehende klingt das fast unmöglich, in funktionierenden polyamoren Beziehungen ist genau das aber das Ziel.

Wie das im echten Leben aussieht, zeigt dieselbe Sendung an einer Familie zu fünft: zwei Kinder, drei Erwachsene, drei Liebespaare, die seit Jahren in festen, offenen Beziehungen zusammenleben. Ihr Alltag lebt von genau dem, was hier zählt, ständigen Gesprächen über Bedürfnisse statt starrer Zeitpläne.

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Ist Polyamorie das Richtige für dich?

Polyamorie ist nichts, dem man hinterherlaufen sollte, nur weil es gerade modern klingt. Sie kostet Zeit, Nerven und ständige Ehrlichkeit, und genau daran scheitern viele. Mehrere Beziehungen bedeuten eben auch mehrfachen Liebeskummer, doppelte Terminplanung und das Risiko, dass sich am Ende doch jemand zurückgesetzt fühlt.

Sie passt zu Menschen, die offen reden können, bereit sind, an ihrer Eifersucht zu arbeiten, und genug Zeit und Energie für mehr als eine Beziehung haben. Für andere ist und bleibt Monogamie der richtige Weg, und auch das ist völlig in Ordnung.

Junge Frau blickt nachdenklich aus dem Fenster und fragt sich, ob Polyamorie zu ihr passt
Polyamorie passt nicht zu jedem, sie verlangt Ehrlichkeit vor allem mit sich selbst.

Ob Polyamorie etwas für dich ist oder nicht, entscheidet am Ende nicht das Etikett, sondern wie ehrlich alle miteinander umgehen. Genau das trennt jede funktionierende Beziehung von einer, die scheitert: nicht die Zahl der Menschen, sondern die Offenheit zwischen ihnen.

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