Die Oscars 2026 stehen heute Abend an – und diesmal hat die Academy eine Regel eingeführt, die so offensichtlich klingt, dass man sich fragt, warum es sie nicht schon immer gab. Academy-Mitglieder müssen ab sofort sämtliche nominierten Filme einer Kategorie gesehen haben, um in der Schlussrunde ihre Stimme abgeben zu dürfen. Klingt eigentlich nach gesundem Menschenverstand, oder? Trotzdem sorgt die Neuerung für mächtig Gesprächsstoff in Hollywood. Moderiert wird die 98. Verleihung zum zweiten Mal in Folge von Conan O’Brien, der letztes Jahr für einen Quoten-Boost gesorgt hat.
Was sich beim Oscar-Voting 2026 konkret ändert
Die wichtigste Neuerung betrifft das Herzstück der Academy Awards: den Abstimmungsprozess. Von nun an müssen die Mitglieder nachweislich belegen, dass sie einen Film gesehen haben, bevor sie in der jeweiligen Kategorie abstimmen dürfen – das war bislang zwar immer die Erwartung, aber jetzt setzt Technologie diese Pflicht erstmals auch durch.
Und so funktioniert das Ganze in der Praxis: Wer einen Film über den Academy Screening Room (ASR) schaut, bekommt das automatisch registriert. Hat man den Film woanders gesehen – im Kino, auf einem Festival oder bei einer Premiere –, muss man das manuell bestätigen.
Klingt wasserdicht? Nicht ganz. Denn die Mitglieder haben die Option, einfach ein Kästchen anzukreuzen, das bestätigt, dass sie den Film anderweitig gesehen haben. Das öffnet natürlich Tür und Tor für kreative Auslegungen der Wahrheit.
Schummler gibt es trotzdem – und manche geben es offen zu
Was in der Theorie nach einem soliden System klingt, hat in der Praxis schon Risse bekommen. Ein Academy-Mitglied gab gegenüber der Los Angeles Times zu, die Watchlist gefälscht zu haben. Und es kommt noch besser: In einer bei Deadline veröffentlichten E-Mail schrieb ein anonymer Filmemacher, er habe nicht mal die Hälfte der nominierten Filme gesehen und plane auch nicht, das nachzuholen.
Die Begründung? Die eigene Zeit sei schlichtweg zu wertvoll, um Filme zu schauen, für die man sowieso nie stimmen würde. Da fragt man sich schon, warum jemand Teil einer Jury sein möchte, deren Kernaufgabe genau das ist: Filme schauen und bewerten.
Warum die neue Oscar-Regel überhaupt nötig wurde
Die Hintergründe der Regeländerung sind ziemlich ernüchternd. Laut Variety bestand die Sorge, dass Juroren ihre Stimmen auf Basis von Kritiken vergeben, anstatt die Filme tatsächlich selbst zu sichten. Noch schlimmer: Manche schauten offenbar nur einen Bruchteil der Nominierten an und stimmten trotzdem munter ab.
Bislang galt eine vergleichbare Sichtungspflicht nur für bestimmte Spezialkategorien wie Bester Internationaler Film, Bester Animationsfilm oder die Kurzfilm-Kategorien. Jetzt wurde sie auf alle 24 kompetitiven Kategorien der Oscars 2026 ausgedehnt. Nach der Ankündigung im April 2025 berichtete Variety, das frühe Feedback sei „überwältigend positiv“ ausgefallen.
Sinners bricht alle Rekorde – 16 Nominierungen
Aber genug von Regeln, reden wir über Filme. Ryan Cooglers Vampir-Drama Sinners mit Michael B. Jordan hat sich mit satten 16 Nominierungen den historischen Spitzenplatz gesichert und den bisherigen Rekord von Klassikern wie All About Eve, Titanic und La La Land geknackt, die jeweils auf 14 Nominierungen kamen.
Dahinter reihen sich einige echte Schwergewichte ein:
- One Battle After Another mit Leonardo DiCaprio: 13 Nominierungen
- Marty Supreme mit Timothée Chalamet: 9 Nominierungen
- Frankenstein mit Jacob Elordi: 9 Nominierungen
- Sentimental Value von Joachim Trier: 9 Nominierungen
Weitere Best-Picture-Kandidaten sind unter anderem Bugonia, F1, Hamnet und Train Dreams.
Best Casting: Die brandneue Oscar-Kategorie
Ein echtes Highlight bei den Oscars 2026 ist der erste Academy Award für Casting. Seit der Einführung von Best Animated Feature im Jahr 2001 gab es keine neue kompetitive Kategorie mehr. Casting-Verantwortliche haben jahrzehntelang dafür gekämpft – bereits 1999 wurde ein ähnlicher Vorschlag abgelehnt.
Nominiert sind Nina Gold (Hamnet), Jennifer Venditti (Marty Supreme), Cassandra Kulukundis (One Battle After Another), Gabriel Domingues (The Secret Agent) und Francine Maisler (Sinners). Wer den allerersten Casting-Oscar mit nach Hause nimmt, wird heute Abend entschieden.
Conan O’Brien als Gastgeber – und warum er zurückkam
O’Brien hatte bereits die 97. Verleihung im März 2025 moderiert und wurde danach sofort für eine Rückkehr verpflichtet. Kein Wunder: Seine Premiere als Oscar-Host bescherte der Show mit rund 19,7 Millionen Zuschauern ein Fünf-Jahres-Hoch und die stärkste Primetime-Unterhaltungssendung der Saison.
Sein Humor kommt offenbar auch bei der jüngeren Zielgruppe an. Die Verleihung 2025 generierte 104,2 Millionen Social-Media-Interaktionen und überholte damit sowohl die Grammys als auch den Super Bowl. Für die Academy ein Traumwert – und ein starkes Argument, Conan erneut auf die Bühne zu holen.
Was die neuen Regeln für die Oscar-Ergebnisse bedeuten könnten
Die spannende Frage ist natürlich: Werden die Gewinner der Oscars 2026 jetzt „gerechter“ ermittelt? Wenn die Mitglieder tatsächlich breit schauen, werden die Ergebnisse fundierter. Schauen sie dagegen nur in wenigen Kategorien, könnten die neuen Regeln die Zusammensetzung der Abstimmenden komplett verändern – mit weniger klaren Favoriten und mehr Überraschungen.
Oder wie es Variety auf den Punkt bringt: Im besten Fall gibt es bessere Gewinner, im unterhaltsamsten Fall deutlich mehr Upsets. Beides zusammen wäre natürlich der Jackpot.
Die 98. Verleihung im Überblick
| Detail | Info |
|---|---|
| Datum | Sonntag, 15. März 2026 |
| Uhrzeit | 19 Uhr ET / 16 Uhr PT (ca. 1 Uhr nachts MEZ) |
| Ort | Dolby Theatre, Hollywood |
| Host | Conan O’Brien |
| Übertragung | ABC, Hulu (Livestream) |
| Kategorien | 24 (inkl. neuem Casting-Award) |
| Meiste Nominierungen | Sinners (16) |
Ob die neue Sichtungspflicht langfristig etwas verändert oder vor allem als Symbolpolitik in die Oscar-Geschichte eingeht, bleibt abzuwarten. Sicher ist: Die Academy hat zumindest erkannt, dass ein Filmpreis mehr Glaubwürdigkeit hat, wenn die Juroren die Filme auch wirklich gesehen haben. Revolutionär? Nein. Überfällig? Absolut.

