Der Deutschrap-Journalismus prägt die Szene in ähnlicher Weise, wie das die Rapperinnen und Rapper selbst tun. Er hat somit eine echte Verantwortung.
Der Deutschrap-Journalismus prägt die Szene in ähnlicher Weise, wie das die Rapperinnen und Rapper selbst tun. Er hat somit eine echte Verantwortung. / Foto: hurricanehank Shutterstock.com

Der deutsche Rap ist seit einigen Jahren das in den Charts sowie den Medien wohl meistverbreitete Musikgenre. Das liegt unter anderem auch daran, dass deutsche Rapper gerne bereit sind, Interviews zu Promozwecken zu nutzen und möglichst viel mediale Aufmerksamkeit erlangen möchten. Doch die Interviewer und Berichterstatter spielen bei der ganzen Sache keine unwichtige Rolle. Gerade diejenigen, die sich dem Genre verschrieben haben und regelmäßig darüber berichten, aber auch Reporter aus Mainstreammedien, die nur ab und an über Deutschrap schreiben, prägen die Szene mit. In welcher Form das geschieht und was das für den deutschen Rap bedeutet, klären wir im Folgenden.

Der Journalist kreiert das Genre mit

Jeder Journalist beeinflusst die Art, wie Menschen über etwas denken. Er hat damit in gewisser Weise ein Stück weit Macht über den Gegenstand, über den er berichtet. So ist das in jedem Bereich des Journalismus. Im Bereich Deutschrap ist es nun aber einmal so, dass sich vorwiegend jüngere Menschen als Zielgruppe der entsprechenden Journalisten finden. Und ohne dieser Zielgruppe zu nahe treten zu wollen, lässt sich wohl behaupten, dass ein minderjähriger Raphörer Aussagen, die er im Internet liest oder auf YouTube hört, leichtfertiger und schneller übernimmt, als ein Erwachsener mit vierzig Jahren Lebenserfahrung und größerem Reflexionsvermögen.

Das bedeutet wiederum, dass Deutschrapjournalisten einen großen Einfluss darauf haben, wie über Rap gedacht wird und wie er sich entwickelt. Schließlich richten sich viele Künstler danach, was den Fans und Anhängern gefällt und was deren Meinung ist. Und wenn diese Meinung vom Journalismus mitgeprägt wird, beeinflusst der Journalismus recht direkt auch die Kunst, bzw. die Musik selbst.

Wie über Deutschrap berichtet wird

Die Art, wie über den Rap berichtet wird, unterscheidet sich natürlich von Medium zu Medium, von Zeitschrift zu Zeitschrift also, von Website zu Website und von Video zu Video, bzw. von Artikel zu Artikel. Jeder Beitrag ist anders. Im Oktober 2019 etwa haben wir über den derzeit immer noch wohl erfolgreichsten “Newcomer” Apache 207 berichtet und anhand seiner Textzeile „100 Kilo halbe Mio schwerer Junge“ die Vermutung aufgestellt: Mit seiner Musik hat Apache bereits eine halbe Million Euro verdient. Doch bestimmt hat ein ungeduldiger Leser diesen Beitrag nur überflogen und es danach für gesetzt angesehen, dass Apache bald schon Millionär sein wird. Und schon ist aus einer Vermutung ein vermeintlicher Fakt geworden, der an andere weitergetragen wird und das Bild prägt, dass man sich von deutschen Rappern oder der Szene macht. Wo dieses Beispiel natürlich eher geringere Auswirkungen auf die Szene haben würde, sieht es mit anderen Berichterstattungen schon ganz anders aus.

Es lassen sich nämlich vor allem zwei Lager ausmachen: Das eine Lager, das vorwiegend aus den “Mainstream-Medien besteht” und das Lager, dass ihre Ursprünge in der Berichterstattung über Rap für Fans und Interessierte (Insider) hat. Während der Tenor in den Mainstream-Medien immer noch oft lautet: Deutscher Rap bedient oft antisemitische Ressentiments, ist homophob und sexistisch, wird er bei vielen Rap- und Hip-Hop-Fachmedien verherrlicht und etwa so dargestellt: Deutscher Rap verkörpert die Möglichkeit, dass es jeder schaffen kann, er ist laut, aber oft politisch und so tolerant, wie kaum eine andere Subkultur. Man schaue sich nur einmal die Vielfalt an Künstlern an.

An beiden Positionen ist etwas dran. Aggressiv-herabwürdigender Inhalte und ein dazu passendes Verhalten werden im deutschen Rap durchaus vermittelt. Sie haften dem Genre aber nun einmal auch in seinen Grundfesten an. Das darf kritisiert werden, die Kritik daran sollte allerdings nicht die einzige Beschäftigung mit dem Thema sein und bleiben. Ist dem so, liegt die Vermutung nahe, dass Mainstream-Medien es sich leicht machen und sich die Skandale herauspicken, da diese gerne rezipiert werden und für große Reichweite sorgen. Das schadet natürlich der Szene in bedeutendem Maße.

Die Identifikation mit der Subkultur

Den Fachmedien, die sich der Berichterstattung über deutschen Rap verschrieben haben, darf aber ebenfalls ein Vorwurf gemacht werden. Jener bereits erwähnte Vorwurf nämlich, dass sie sich seit jeher zu stark mit der Subkultur identifizieren. Und dabei versuchen, sich gegen jegliche Kritik zu immunisieren. Diese Entscheidung wiederum wirft ebenfalls ein mitunter falsches Bild auf die Rapperinnen und Rapper: Sie stehen dadurch teilweise dar, als ließen auch sie keinerlei Kritik an ihrer Kunst zu. Nicht selten hört man genau das: Rapper seien die eitelsten Musiker. Was teilweise stimmen mag, pauschal aber als ungesunde und unproduktive Aussage verbucht werden sollte.

Das große Problem liegt darin, dass bei den Hip-Hop-Medien oft Insider für Insider berichten und die nötige Distanz zum Gegenüber, also dem Rapper oder der Rapperin fehlt. Oft treten Journalisten ihren persönlichen Vorbildern gegenüber und legen dabei fast schon einen unterwürfigen Respekt an den Tag. Mitunter herrscht darüber hinaus vielleicht die Angst vor, bei zu kritischen Fragen Opfer eines Shitstorms von auf den Interviewer wütenden oder enttäuschten Fans zu werden. Die Folge: Man traut sich nicht, Stellung zu beziehen. Und solidarisiert sich dann in einem Interview gerne mal mit linksradikalen Feministen und im nächsten mit dem aggressiv-misogynen Gangsterrapper. Ein wenig Feingefühl, Distanz und Mut zur Kritik würde man sich hier manchmal einfach wünschen.

Rapper, die selbst den Reporterjob übernehmen

Rapper sind heute oft nicht nur Musiker, Unternehmer und vielleicht sogar Schauspieler, nein, viele Rapper werden während oder nach ihrer Karriere selbst zu Reportern. Und berichten, wie könnte es anders sein, natürlich über die Rapszene in Deutschland. Das geschieht teilweise, wenn auch eher seltener, in Form von Texten im Netz oder den sozialen Medien. Hin und wieder in rein auditiver Form, wie etwa bei Juse Ju, der beim Radiosender Fritz moderiert. Oder auch bei  Rapper Mauli, der zusammen mit Ex-Labelchef Marcus Staiger (hier im interessanten Interview mit der Zeit) einen der erfolgreichsten Podcasts über die Szene macht. Und dann natürlich auch in Videoform, vorwiegend auf YouTube. Hier seien Ex-Rapperin Visa Vie genannt (ja, sie hat mal gerappt), aber natürlich vor allem auch Marvin Game mit seiner Hotbox und MC Bogy für TV Strassensound.

Rap-Journalismus findet in den Mainstream-Medien meist anders statt, als in Medien, die sich alleine auf die Szene konzentrieren.
Rap-Journalismus findet in den Mainstream-Medien meist anders statt, als in Medien, die sich alleine auf die Szene konzentrieren. / Foto: © doris_bredow – stock.adobe.com

Nun darf man die Frage stellen, ob nicht gerade durch Ex-Rapper oder gar aktive Rapper als Journalisten über ihr eigenes Genre und die Szene, nicht jegliche Kritik an ebendiesen verlorengeht. Wir, als ebenfalls Mitglied der Hip-Hop-Medienlandschaft, finden, dass Kritik aus den eigenen Reihen wichtig ist. Denn sie kann besonders fundiert geschehen, weil das kulturelle (Vor-)verständnis gegeben ist, dass den Mainstream-Medien so oft zu fehlen scheint. Wir finden aber, dass man auch hier kritisieren darf und muss.

Wir wollen dem bereits angesprochenen guten MC Bogy, der zweifelsohne nicht nur eine Legende im Deutschrap ist und der sich vor allem durch seine Interviewtätigkeiten auch als ein echter Sympath profiliert hat, überhaupt nicht Schlechtes. Seine Interviews sind allesamt unterhaltsam und eine Erfrischung für die Szene. Allerdings ist er eben auch kein ausgebildeter Reporter und vielleicht nicht ganz so weitsichtig und reflektiert, wenn es um bestimmte Aussagen geht. Manchmal wird das in negativer Weise deutlich. In einem Interview mit der Rapperin Sookee aus dem Jahr 2017 fällt dann auch einmal eine Aussage, wie: “[…] bei den Geto-Boys-Sachen, die waren früher gegen Weiße, gegen Puerto-Ricaner, gegen Frauen […], aber ich nehm’s den Jungs nicht übel […]. Rassismus in ‘ner Punchline is’ auch vollkommen ok.” Wir sind uns recht sicher, dass Bogy der letzte Mensch ist, der heute irgendjemandem etwas Schlechtes will. Dennoch wünscht man sich an solchen Stellen der “Berichterstattung” eine Einordnung in Zusammenhänge oder reflektiertere Sicht auf die Dinge. Zumindest weist Sookee darauf hin: “Wenn ich Holocaust-Überlebende bin, dann kann ich das nicht feiern. Wenn ich Überlebende von sexualisierter Gewalt bin, dann kann ich das nicht so ohne Weiteres feiern. […] Ich sehe halt über Rap hinaus eine Gesellschaft und ich sehe halt darin Diskriminierung, Unterdrückung und die ganze Scheiße.”

Oft werden Rapper zu Reportern und besuchen Kollegen dann beispielsweise ganz privat in deren Studio. Leidet der Journalismus darunter?
Oft werden Rapper zu Reportern und besuchen Kollegen dann beispielsweise ganz privat in deren Studio. Leidet der Journalismus darunter? / Foto: © pressmaster – stock.adobe.com

Unser Wunsch: Weniger krampfhafter Schutz des Deutschraps

Das Beispiel Sookee – MC Bogy steht wohl auch im Zusammenhang mit der ewigen Frage “Was darf Kunst?”. Selbstverständlich sollte die Meinungsfreiheit gerade in der Kunst hochgehalten werden. Wichtig ist aber, dass gerade Journalisten, die aus der Szene kommen, nicht der Gefahr erliegen, den Deutschrap komme was wolle gegen jede Kritik krampfhaft zu schützen. Oder erst gar keinen Blick dafür zu entwickeln, dass die nötige Distanz zum Rap vielleicht fehlt. Deutschrap ist bereits etabliert, er beherrscht die Charts und hat Millionen treuer Anhänger. Er ist reif genug, kritisiert zu werden, man muss ihn nicht mehr beschützen. Vermutlich würden Journalisten gut daran tun und der Szene zu weiterem Aufschwung verhelfen, wenn sie kritischer werden. Interessantere Fragen stellen und weiter in die Tiefe bohren. Zu ihrer Verteidigung müssen wir natürlich aber auch sagen, dass die Szene mitsamt ihren Journalisten immer noch mit einem Trauma aus den 90ern und frühen 200ern zu kämpfen hat. Anfangs nämlich wurden der Kleidungsstil, die Art zu sprechen, die Gestik und auch die Texte so sehr durch den Kakao gezogen, dass eine Verteidigungshaltung die einzige Chance war, zu überleben. Hoffen wir, dass dieses Trauma bald überwunden ist und Mainstream-Medien es wiederum nicht mehr weiter befeuern. Schon gelesen? Die echten Namen der deutschen Rapper!